Aktuelles

Alternative Totenfürsorge

Außer konventioneller gibt es auch alternative Totenfürsorge.

Heute ist der alternative Totensonntag

Ein guter Tag, um mit euch über alternative Totenfürsorge zu sprechen.
Was ist das und wie macht man das eigentlich?

Dies wird der erste Teil einer Reihe über meine Erfahrungen und Erkenntnisse von der Messe Leben und Tod.

Für diejenigen von euch, die mich noch nicht kennen, möchte ich mich kurz vorstellen: Mein Name ist Mathias, und ich bin seit letztem Jahr als Bestatter tätig. Quereinstieg. Diesen Schritt bin ich nach einem langen Weg des Ausprobierens und Scheiterns gegangen – bzw. wurde vom Leben geschubst, wie ich das gerne sage. Mehr dazu könnt ihr hier nachlesen.

Im Arbeitsalltag sieze ich natürlich alle Angehörigen, als Zeichen von Respekt und Zurückhaltung. 

Hier allerdings duze ich euch, denn ich möchte mit euch in den persönlichen Kontakt. Und wenn ich Du sage, das ist mir sehr wichtig, spielt es für mich keinerlei Rolle, welches Pronomen Du dir zuschreibst. Dieser Text soll alle Leser*innen gleichsam ansprechen. Dafür hatten wir vor einigen Jahren noch wenig Bewusstsein, und da ich offenen, respektvollen Umgang sehr schätze, ist es für mich ein wichtiger Schritt für eine achtsamere Welt.

Warum ist das auch für die Totenfürsorge so wichtig?
Was bedeutet „alternativ“ in diesen Zusammenhang eigentlich?
Und was ist denn die „traditionelle“ Art, Verstorbene zu versorgen?

Das sind Fragen, denen möchte ich auf den Grund gehen - denn wir versorgen Menschen, die geliebt wurden und werden. Auch wenn keiner mehr „zu Hause“ sein mag - so ist doch die Hülle der Ausdruck des gelebten Lebens, und das wollen wir achten.

Auf der Messe in Bremen hatte ich erneut die Möglichkeit, mit Sarah Benz von den Sarggeschichten zusammenzuarbeiten, als Teilnehmer des Workshops. Und dieser Workshop - ihr ahnt es - beschäftigte sich mit der alternativen Versorgung von Verstorbenen.

Das Besondere an dieser Art der Versorgung ist, dass wir versuchen, das Leben des Menschen, der gegangen ist, zu rekonstruieren. Es geht weniger um eine hygienische Versorgung, sondern um den Prozess des Abschieds und der Anerkennung. 

Natürlich wird der verstorbene Mensch auch gewaschen - aber es wird viel mehr Raum gelassen für persönliche Rituale und Gedanken.

Für unseren Workshop stellte sich Stef als Verstorbene*r zur Verfügung. Er*sie berichtete uns vorab in einem Rollenspiel über sein*ihr Leben, was er*sie mag und ihm*ihr wichtig ist.

Zum Verständnis: Stef ist eine nicht binär trans* Person und verwendet das Pronomen er*sie.

In der Mitte des Raumes standen eine Bahre und diverse Utensilien - doch dazu später mehr. Die Bahre war mit einem weiten weißen Tuch bedeckt, auf dem Stef sich ausstrecken konnte.
Um alle in das richtige Mindset zu bringen, das heißt für diesen Moment die Situation als echt zu empfinden und das Gefühl der Peinlichkeit und der Angst davor, etwas Falsches zu sagen, gehen zu lassen, wurde Stef mit dem Tuch bedeckt. Nach einem Moment der Ruhe wurde das Tuch gelüftet.

Die Wandlung von Leben zum Tod.

Die Gruppe erkundete ihre Emotionen, diskutierte ihre Herangehensweise und näherte sich behutsam Stefs Körper. An dieser Stelle fiel mir auf, dass manche Rituale in uns stecken, unabhängig von einem bestimmten Glauben. So wurde das Fenster geöffnet, um die Seele gehen zu lassen. Der Wunsch, sich vorzustellen wurde umgesetzt, einige nahmen Stefs Hand und sagten, wer sie sind, andere berührten seinen*ihren Körper.

Um einen geliebten Menschen selbst zu versorgen, benötigt ihr nicht viele Dinge. Schafft eine Atmosphäre, die sich für euch richtig anfühlt. Nur macht die Versorgung mindestens zu zweit, denn ihr werdet für das Ankleiden mehrere Hände benötigen.

Was brauche ich für die Versorgung?

  • Schüssel mit warmem Wasser
  • Waschlotion oder Seife
  • Handtücher
  • Schwamm oder Waschlappen
  • Kleidung
  • Evtl. Inkontinenzmaterial
  • Evtl. Utensilien zur Nagelpflege
  • Evtl. Rasierer

Je nachdem, wie eure Verstorbenen zu Lebzeiten waren, könnt ihr folgende Dinge ergänzen:

  • Makeup und Cremes
  • Düfte
  • Accessoires
  • Blumen
  • Und nahezu alles, was ihr gerne in den Sarg beilegen würdet

Die Waschung könnt Ihr so behutsam und schlicht machen, wie es für euch passt. Die wenigsten verstorbenen Menschen sind stark verunreinigt. 

Erschreckt nicht, wenn sich Darm oder Blase entleeren, das ist völlig normal und nichts Schlimmes. Auch kann es sein, dass durch das Bewegen des Leichnams nochmal Luft aus der Lunge entweicht. Das ist womöglich befremdlich aber kein Grund zur Sorge. Schließlich kann es zu einem Austritt von Flüssigkeiten aus den verschiedenen Körperöffnungen, etwa aus Mund und Nase, kommen, die ihr aber in den meisten Fällen mit Kompressen stillen könnt.

Der Leichnam wird langsam kälter, und durch das absinkende, nicht mehr mit Sauerstoff versorgte Blut entstehen auf der Unterseite des Körpers dunkle Stellen.

Manchmal, den Begriff habt ihr bestimmt schon gehört, kommt es zur Totenstarre, der Rigor Mortis. Diese fängt grob gesagt im Gesicht an und verläuft mit der Zeit bis zu den Füßen, von wo aus sie sich auch wieder von allein auflösen wird. Ebenso könnt ihr diese Steifheit ausmassieren und mit behutsamen Bewegungen der Gelenke lösen. Wenn der oder die Verstorbene angespannt wirkt, könnt ihr versuchen, diese Spannung mit einer leichten Nackenmassage zu lösen.

Um den Körper des oder der Verstorbenen zu achten, deckt immer alle intimen Körperstellen ab, sobald diese versorgt worden sind. Nutzt zur Ablage von Arbeitsutensilien den Boden oder einen Bestelltisch, aber nicht die Bahre und schon gar nicht den Leichnam selbst.

Bei einem Mann kann es durch den Flüssigkeitsverlust dazu kommen, dass Bartstoppeln sichtbar werden und scheinbar wachsen. Diese könnt ihr mit einer Rasur entfernen. Aber vielleicht trug die Person immer einen Drei-Tage-Bart? Auch hier helfen euch eure Erinnerungen oder Bilder.

Zum Schluss könnt Ihr die Haut mit einer Creme behandeln.

Dann wird es Zeit für die Kleidung.

Auch hier gilt: es gibt kein richtig oder falsch. Beratet euch oder schaut euch Bilder an, um den Stil der Person zu erfassen. Gab es vielleicht ein wiederkehrendes Element, wie ein bestimmtes Accessoire oder gebundene Tücher?
Mit lockerer und dehnbarer Kleidung werdet ihr euch natürlich leichter tun. Generell kann aber alles angezogen werden, dafür gibt es Techniken, die ich euch gerne erklären möchte.

Beginnt mit den Socken (barfuß geht natürlich auch) und der Unterwäsche. Wenn ihr einen BH anziehen möchtet, legt ihn die eine ankleidende Person offen auf die Brust. Die andere fasst den Leichnam an der Schulter und am Becken und hebt ihn längsseits an. An diesen zwei Kontaktpunkten habt ihr die beste Stabilität. Nun kann der BH auf dem Rücken verschlossen werden.

Diese Art des Hebens solltet ihr auch für die restlichen Kleidungsstücke anwenden, um sie richtig positionieren zu können.

Nehmen wir als nächstes die Hose. Diese wird vorab geöffnet. Jeder fasst von unten in ein Hosenloch und rafft die Hose auf. Fasst mit der Hand, die in der Hose ist, einen Fuß und streift den Stoff behutsam über Ferse und Bein. Dies geht bis zum Liegepunkt des Beckens. Nutz nun wieder die oben beschriebene Technik, um die Hose zu positionieren und zu verschließen.

Tipp: Wenn ein Gürtel getragen werden soll, fädelt ihn vorab durch die Schlaufen.

Im Fall von Stef hatten wir eine herausfordernde Skinny-Jeans. Aber mit den richtigen Handgriffen konnten wir auch diese Hose problemlos anziehen.

Wir sprachen dann darüber, ob die Oberteile in die Hose gesteckt werden sollten. Ganz oder teilweise? Lieber überlappen lassen? Wir entschieden, auf unser Bauchgefühl zu hören und das Kleidungsstück teilweise in die Hose zu stecken, um so den Gürtel zur Geltung zu bringen.

So ging es als nächstes an die Oberbekleidung. Geht wieder von außen in je einen Ärmel, greift nach den Händen des Menschen, den ihr versorgt und streift das Kleidungsstück bis zu den Schultern über. Bei Jacken und ähnlichem geht ihr ebenso vor. Hebt den Kopf behutsam an und streift das Oberteil über. Positioniert es korrekt mit der bekannten Technik. Stefs Oberteil hatte eine Kapuze. Wir stellten uns die Frage, wie er*sie diese wohl gerne getragen hat und positionierten sie offen im Nacken- und Kopfbereich.

Wenn der verstorbene Mensch angekleidet ist, überlegt euch, ob es Dinge gibt, die ihr anlegen oder vielleicht in der Hosentasche mitgeben möchtet.

Nun könnt ihr Makeup auftragen, Düfte anlegen und/oder den Körper mit Blumen ehren. Wir drapierten einzelne Blüten um und auf Stefs Körper.

Haltet einen Moment inne und fühlt nach.

Im Workshop hatten wir die Möglichkeit, Stef zu fragen, was sich für ihn*sie richtig angefühlt hat. Spannend war, dass wir den Großteil intuitiv richtig gemacht hatten. Zum Schluss hielten wir fest, was uns wichtig war, welche Erkenntnisse wir gewonnen haben und sprachen natürlich auch über das Für und Wider der alternativen Totenfürsorge.

Über die traditionelle/konventionelle Totenfürsorge, die viele Bestatter praktizieren, berichte ich euch nächstes Mal.

Ich freue mich, mit euch in den Austausch zu gehen und bin gespannt auf eure Fragen, Gedanken, Erfahrungen und Anregungen.

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