Vernissage im Julius Grieneisen Haus Berlin: Fotoprojekt „Anderwelt“ von Bert Strebe verhandelt Verlust und Vergegenwärtigung

V.l.n.r.: Gesine Hanebuth (Unionshilfswerk-Förderstiftung), Dominik Kleinen (Betriebsleiter Grieneisen Bestattungen) und Fotograf und Lyriker Bert Strebe eröffnen den gemeinsamen Abend.

Am 1. Oktober 2026 trafen bei der Vernissage des Fotoprojektes „Anderwelt“ unterschiedliche Perspektiven zur gemeinsamen Betrachtung der künstlerischen Arbeit von Bert Strebe aufeinander. Angehörige, Kunstinteressierte, Menschen aus der Bestattungsbranche, Kulturschaffende und zahlreiche neugierige Gäste kamen zur Ausstellungseröffnung im Julius Grieneisen Haus in Berlin zusammen. 

Dominik Kleinen, Betriebsleiter von Grieneisen Bestattungen, eröffnete den Abend mit einer anregenden Begrüßungsrede, die Denkanstöße gab, ohne eine bestimmte Lesart vorwegzunehmen. Auch Gesine Hanebuth von der Förderstiftung des Unionhilfswerks Berlin richtete einige Worte an die Gäste und unterstrich die Bedeutung der ausgestellten Werke und warum ihre Institution diese bewegende Ausstellung unterstützt. Anhand einzelner Arbeiten beschrieb Bert Strebe daraufhin Begegnungen und persönliche Geschichten, aus denen die Fotografien hervorgegangen sind. Anschließend blieb Zeit für Gespräche. Bei Getränken und Snacks wurden noch bis spät in den Abend hinein Gedanken ausgetauscht oder einfach nur still betrachtet, was Bert Strebe nach eigener, intensiver Auseinandersetzung nun dem Publikum präsentiert.

Die Spuren der Abwesenden

Was passiert mit uns, wenn wir sterben? Verschwinden wir einfach? Oder sind unsere Seelen im Diesseits noch spürbar? Der hannoversche Lyriker und Fotograf Bert Strebe hat Hinterbliebene an Orten oder in Situationen fotografiert, die für sie etwas mit ihren Toten zu tun haben. Und er hat sie um Texte über ihre Trauer oder zu ihren Empfindungen und Erfahrungen in Bezug auf den Tod gebeten. Bert Strebe sagt, er fotografiere die Hinterbliebenen zusammen mit ihren Verstorbenen. Die Kamera könne die Toten zwar nicht sehen, aber sie seien trotzdem erkennbar. Etwa im Gesicht oder den Augen der Trauernden, in ihrer Haltung oder in ihren Gesten.

So ist das Projekt „Anderwelt“ entstanden, das mit 23 Schwarzweißporträts und ebenso vielen Texten den trauernden Menschen ins Zentrum rückt. Der Begriff Anderwelt stammt aus der keltischen Mythologie; es handelt sich um eine Welt der Toten, die kein fernes Jenseits ist. Sie befindet sich zwar auf einer anderen Ebene als die Welt der Lebenden. Aber beide Welten liegen nahe beieinander, mit durchlässigen Grenzen.

 

Eine Annäherung in Bildern und Worten

Geboren 1958 in Hunteburg und heute in Hannover zu Hause, war Bert Strebe jahrzehntelang als Redakteur tätig, vor allem für die Hannoversche Allgemeine Zeitung. Das Schreiben begleitet ihn auch als Lyriker: Sein erster Gedichtband erschien 1999, seither folgten weitere literarische Veröffentlichungen.

In „Anderwelt“ lässt er uns an seiner Auseinandersetzung mit Verlust und Vergegenwärtigung teilhaben, bei der Fotografie und Sprache nicht um eine Erklärung bemüht sind, sondern unterschiedliche Zugänge zu derselben Erfahrung eröffnen.

Die Texte der Hinterbliebenen folgen keiner vorgegebenen Form oder einheitlichen Vorstellung. Mal ist es ein Gedicht, mal ein Brief, ein Bericht vom letzten gemeinsamen Tag oder eine handbeschriftete Postkarte. Ein anderes Mal steht ein Zitat von Dietrich Bonhoeffer unter der schlicht und ohne Glas gerahmten Schwarzweißfotografie. Die 23 Porträts und Texte zeigen unterschiedliche Menschen, Beziehungen und Formen des Erinnerns. Allen ist eine paradoxe Gleichzeitigkeit von Präsenz und Absenz eingeschrieben.

Resonanzraum zwischen Bestattungsalltag und Kunst

Mit dem Projekt „Anderwelt“ tritt die Kunst in einen Raum, der tagtäglich von Abschied, persönlichen Geschichten und der Begegnung mit Angehörigen geprägt ist. Mit der Öffnung des Bestattungshauses für die Kunst möchte Grieneisen Bestattungen unterschiedliche kulturelle Kontexte miteinander in Beziehung bringen und sichtbar machen, dass Bestattungs- und Erinnerungskultur weit über organisatorische Abläufe hinausreicht. Das Julius Grieneisen Haus versteht sich dabei als Raum für Begegnung, Dialog und kulturelle Auseinandersetzung.

Mit der Vernissage am 1. Oktober wurde dieser Resonanzraum geöffnet. Noch bis zum 31. Oktober bietet die tief berührende Ausstellung Gelegenheit, die Fotografien von Bert Strebe und die persönlichen Texte der Hinterbliebenen in ihrem Zusammenspiel zu betrachten.

Für seine besondere Arbeit und für die Initiative, sie im Julius Grieneisen Haus zu zeigen, gilt Bert Strebe unser herzlicher Dank. Ebenso danken wir der Unionshilfwerk-Förderstiftung, der Stiftung Deutsche Bestattungskultur und der Stiftung Edelhof Ricklingen, die diese Ausstellung gefördert haben.

 

Weitere Informationen:

Den Abschluss der Ausstellung bildet die Finissage am 31. Oktober 2026 um 18:00 Uhr. Im Mittelpunkt des Abends steht neben der Fotografie die Musik: Die Cellistin Yeo-Rhim Yoon begleitet die Finissage mit ihrem Cello. Bert Strebe wird ebenfalls anwesend sein.

 

Zu dem Fotoprojekt ist der Bildband „Anderwelt“ im hannoverschen Wehrhahn-Verlag erschienen, mit allen Fotografien und Texten und einem Aufsatz von Bert Strebe (Hardcover, 64 Seiten, 20 Euro, ISBN 978-3-98859-164-7).

 

Abbildungen © Ahorn Gruppe


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